Das verbleibende CO2-Budget und der
Nachbesserungsprozess von Paris

Das verbleibende CO2-Budget

CO2 bleibt für lange Zeit in der Atmosphäre aktiv. Deshalb bestimmt die Summe der CO2-Emissionen, die wir in Zukunft noch ausstoßen, wesentlich das Ausmaß der von uns verursachten Erderwärmung.

Aufgrund der Komplexität des Klimasystems lässt sich allerdings aus naturwissenschaftlicher Sicht das genaue verbleibende CO2-Budget nicht ohne Weiteres angeben.

Der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) führt in seinem Sonderbericht zu 1,5°C Oktober 2018 dazu aus:

"C.1.3 Limiting global warming requires limiting the total cumulative global anthropogenic emissions of CO2 since the preindustrial period, that is, staying within a total carbon budget (high confidence). (...) The associated remaining budget is being depleted by current emissions of 42 ± 3 GtCO2 per year (high confidence). The choice of the measure of global temperature affects the estimated remaining carbon budget. Using global mean surface air temperature, as in AR5, gives an estimate of the remaining carbon budget of 580 GtCO2 for a 50% probability of limiting warming to 1.5°C, and 420 GtCO2 for a 66% probability (medium confidence). Alternatively, using GMST gives estimates of 770 and 570 GtCO2, for 50% and 66% probabilities, respectively (medium confidence). Uncertainties in the size of these estimated remaining carbon budgets are substantial and depend on several factors. Uncertainties in the climate response to CO2 and non-CO2 emissions contribute ±400 GtCO2 and the level of historic warming contributes ±250 GtCO2 (medium confidence). Potential additional carbon release from future permafrost thawing and methane release from wetlands would reduce budgets by up to 100 GtCO2 over the course of this century and more thereafter (medium confidence). In addition, the level of non-CO2 mitigation in the future could alter the remaining carbon budget by 250 GtCO2 in either direction (medium confidence). {1.2.4, 2.2.2, 2.6.1, Table 2.2, Chapter 2 Supplementary Material}"

(IPCC SR1.5 2018, Summary for Policymakers, S. 14)

Im Kapitel 2 seines Sonderberichtes hat der IPCC folgende Tabelle veröffentlicht:

Table 2.2 IPCC 1.5

(IPCC SR1.5 2018, Chapter 2, S. 108)

Vielleicht kann die Naturwissenschaft die großen Bandbreiten bei den zentralen Unsicherheiten durch weitere Forschung in den nächsten Jahren noch verringern. Politisch können wir darauf aber nicht warten. Politisch müssen wir heute entscheiden, an welchem verbleibenden CO2-Budget bis zum Ende dieses Jahrhunderts wir uns bei unseren Reduktionsambitionen orientieren wollen. Aus der Entscheidung unter Unsicherheit gibt es kein Entrinnen.

Man kann dies mit unternehmerischen Entscheidungen vergleichen. Es wird zwar versucht eine möglichst gute Datengrundlage für diese Entscheidungen bereitzustellen. Am Ende bleiben es trotzdem unternehmerische Entscheidungen unter Unsicherheit. Die politische Entscheidung über ein globales CO2-Budget, das man bis zum Ende dieses Jahrhunderts einhalten will, muss natürlich bei neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst werden.

Zusammenfassung:

Wir emittieren derzeit ca. 42 Mrd. t CO2 im Jahr.

Erderwärmung 'global mean surface air temperature' gegenüber dem vorindustriellen Niveau
~ 1,5°C
~ 2°C

verbleibende CO2-Budgets ab 2018
Einhaltung mit einer Wahrscheinlichkeit von (nur) 66%

420 Mrd. t
1.170 Mrd. t

Als zentrale Botschaft zu den notwendigen CO2-Reduktionen formuliert der IPCC-Sonderbericht:

"C.1 In model pathways with no or limited overshoot of 1.5°C, global net anthropogenic CO2 emissions decline by about 45% from 2010 levels by 2030 (40–60% interquartile range), reaching net zero around 2050 (2045–2055 interquartile range). For limiting global warming to below 2°C11 CO2 emissions are projected to decline by about 25% by 2030 in most pathways (10–30% interquartile range) and reach net zero around 2070 (2065–2080 interquartile range). Non-CO2 emissions in pathways that limit global warming to 1.5°C show deep reductions that are similar to those in pathways limiting warming to 2°C. (high confidence)."

(IPCC SR1.5 2018, Summary for Policymakers, S. 14)

Pariser Nachbesserungsprozess (ratchet up mechanism)

In Paris wurde vereinbart, dass die Staaten immer ehrgeizigere national entschiedene Beiträge (NDCs) beim UNFCCC vorlegen sollen. Zu den bereits im Vorlauf des Pariser Abkommens eingereichten nationalen Beiträgen hat das UN-Sekretariat mit einem Synthesebericht Stellung genommen. Das Ergebnis: Die eingereichten nationalen Beiträge sind ein Fortschritt; aber sie reichen bei weitem noch nicht aus, um die 2-Grad-Grenze - geschweige den die 1,5-Grad-Grenze - zu unterschreiten. Selbst unter der optimistischen Annahme, dass die NDCs zu 100% umgesetzt werden, würde es zu einer Erderwärmung bis 2100 um rund 3°C kommen mit weiter steigender Tendenz danach.

Spätestens bis Anfang 2020 sollen alle Vertragsstaaten ihre 2030-Ziele nachschärfen und Langfristpläne für ihre klimaneutrale Entwicklung vorlegen. Damit wird 2020 ein entscheidendes Jahr für die Frage, ob wir die Erderwärmung wirksam begrenzen können. Legen die Staaten NDCs für 2030 vor, die in Summe mit einer deutlichen Unterschreitung des 2°C-Limits kompatibel sind? Aufgrund der Budgeteigenschaft von CO2 sind die 2030-Ziele entscheidend.

Wir brauchen jetzt glaubwürdige politische Entscheidungen, damit die Investitionen in eine fossilfreie Zukunft ausreichend in Gang kommen. Je später diese Entscheidungen fallen, desto teurer wird es und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir scheitern.

Wir brauchen einen Review auch durch die Zivilgesellschaft

Nun ist es wichtig, dass die Zivilgesellschaft in Verbund mit der Wissenschaft mit konkreten und fundierten Forderungen gegenüber der Politik genügend öffentlichen Druck aufbaut, so dass die Staaten einen fairen Anteil an den notwendigen globalen Anstrengungen übernehmen. Es muss eine öffentliche Diskussion darüber in Gang kommen, was eine faire und ökonomisch sinnvolle Aufteilung des verbleibenden globalen CO2-Budgets auf Staaten sein könnte.

Grundlage für einen Review-Prozess sind Referenzwerte

Eigentlich würde es die Budgeteigenschaft von CO2 besser abbilden, wenn man darüber diskutieren würde, welcher Anteil des global verbleibenden Budgets einzelnen Staaten zustehen könnte. In der Klimadiplomatie hat es sich jedoch eingebürgert, die Emissionen zu einem gewissen Zeitpunkt in der Zukunft in Beziehung zu setzen zu Emissionenn in der Vergangenheit.

Was braucht man, um für alle Staaten Referenzwerte auf dieser Basis berechnen zu können?

  1. Die Referenzwerte müssen aus nationalen Emissionspfaden abgeleitet werden, die in Summe mit einem vorgegebenen CO2-Budget kompatibel sind.
  2. Für die Ableitung der nationalen Emissionspfade, muss man sich der Frage der Klimagerechtigkeit stellen. Nach welchen Schlüsseln sollen die globalen Emissionen auf Staaten verteilt werden bzw. an welchen Schlüsseln sollen sich die Staaten bei ihren NDC orientieren?

Wir möchten auch auf die Website http://climateactiontracker.org/ hinweisen. Dort werden die NDCs mit Kriterien aus vielen unterschiedlichen Studien und Ansätzen abgeglichen.

Hier wollen wir zwei Konzepte und entsprechende Referenzwerte vorstellen, die nicht in die Vergangenheit schauen und keinen komplexen Mix an Kriterien heranziehen, sondern einerseits die aktuellen Emissionen eines Landes (und damit die derzeitige Realität) und annderseits die Pro-Kopf-Emissionen, um Klimagerechtigkeit abzubilden.

Referenzwerte mit der Regensburger Formel

Bei der Regensburger Formel wird die Frage der Klimagerechtigkeit mit der Konvergenz der Pro-Kopf-Emissionen beantwortet (wurde von Bundeskanzlerin Merkel bereits 2007 postuliert). Mit der Regensburger Formel wird schrittweise der Verteilungsschlüssel "tatsächliche Emissionen im Basisjahr" durch den Verteilungsschlüssel "gleiche Pro-Kopf-Emissionen im Konvergenzjahr" ersetzt (mehr Informationen unter: Downloads).

Die Regensburger Formel setzt damit nur ein relativ niedriges Niveau an Klimagerechtigkeit um. Insbesondere wird bei einer Konvergenz der Pro-Kopf-Emissionen die historische Verantwortung der heutigen Industrieländer für den Klimawandel nicht berücksichtigt und die Erreichung von gleichen Pro-Kopf-Emissionen in die Zukunft mit niedrigeren Pro-Kopf-Emissionen verschoben.

Vor diesem Hintergrund haben die Referenzwerte auf der Grundlage der Regensburger Formel gerade dann eine hohe Aussagekraft, wenn selbst dieses geringe Ambitionsniveau von Industrieländern bei ihren gemeldeten nationalen Beiträgen (NDCs) im Rahmen des Pariser Nachbesserungsprozesses noch unterschritten wird. Diese Industriestaaten kommen in Erklärungsnot, welchen Standard sie in puncto Klimagerechtigkeit zu Grunde legen.

Zusammenfassung Regensburger Formel:

Beispielhafte Konvergenz der Pro-Kopf-Emissionen bei Anwendung der Regensburger Formel:

Konvergenz Pro-Kopf-Emissionen

Referenzwerte nach dem Smooth Pathway Model (SPM; in Anlehnung an Raupach et al.)

Exemplarische Referenzwerte

Mit unserem ausführlichen Excel-Tools (Download hier) können Sie für alle Länder der Welt Referenzwerte berechnen. In diesem Tool sind viele Detaileinstellungen möglich.

Den folgenden Referenzwerten liegen folgende Prämissen zugrunde:

Referenzwerte nach der Regensburger Formel

"moralische Untergrenze" für Industrieländer

Weitere Prämissen:

sorted acc. to proportion global emissions
2030
2050
projection 2019
in Mill. t
per captia emissions 2019 in t
proportion in relation to global emissions 
cumulative emissions without EU
 vs. (in %)
1990
2010
1990
2010
China
137%
-40%
-88%
-97%
10.856,23
7,60
30,93%
31%
United States of America
-49%
-54%
-99%
-99%
5.191,58
15,48
14,79%
46%
EU28
-62%
-57%
-98%
-97%
3.332,95
6,56
9,49%
46%
India
119%
-23%
-60%
-86%
2.554,65
1,91
7,28%
53%
Russian Federation
-66%
-54%
-99%
-98%
1.624,10
11,56
4,63%
58%
Japan
-49%
-52%
-98%
-98%
1.177,66
9,37
3,35%
61%
Germany
-64%
-55%
-98%
-98%
734,01
8,95
2,09%
63%
Iran (Islamic Republic of)
69%
-40%
-92%
-97%
684,83
8,22
1,95%
65%
Korea, Republic of
14%
-49%
-96%
-98%
622,41
12,30
1,77%
67%
Canada
-39%
-50%
-98%
-99%
553,15
14,84
1,58%
68%
Saudi Arabia
60%
-36%
-96%
-99%
546,31
17,13
1,56%
70%
Indonesia
87%
-29%
-67%
-88%
543,50
2,04
1,55%
71%
Brazil
28%
-33%
-81%
-90%
525,42
2,51
1,50%
73%
Australia
-15%
-44%
-98%
-99%
482,32
19,19
1,37%
74%
Mexico
-18%
-47%
-91%
-94%
453,59
3,47
1,29%
76%
South Africa
-24%
-50%
-96%
-98%
432,18
7,88
1,23%
77%
Turkey
28%
-36%
-90%
-95%
385,94
4,85
1,10%
78%
United Kingdom
-71%
-66%
-98%
-97%
324,60
4,97
0,92%
79%
Thailand
67%
-36%
-86%
-95%
301,76
4,45
0,86%
80%
                 
global  

-45%

-95%
       

 

Referenzwerete nach dem Smooth Pathway Model

Szenariotpy RM-5-rad angewendet auf das national verbleibende Budget

gewichteter Verteilungsschlüssel für das globale CO2-Budget 2018 - 2100:
Bevölkerung und Emissionen in 2019 zu je 50% gewichtet; was wohl viele als gerecht empfinden würden
 
2030
2050
projection 2019
in Mill. t
per captia emissions 2019 in t
proportion in relation to global emissions 
 vs. (in %)
1990
2010
1990
2010
EU28
-67%
-63%
-97%
-97%
10.856,23
7,60
9,49%

Szenariotpy RM-2-exp angewendet auf das national verbleibende Budget

gewichteter Verteilungsschlüssel für das globale CO2-Budget 2018 - 2100:
Bevölkerung 2019 mit 0% gewichtet / Emissionen 2019 mit 100% gewichtet
"rechnerische Untergrenze"
 
2030
2050
projection 2019
in Mill. t
per captia emissions 2019 in t
proportion in relation to global emissions 
 vs. (in %)
1990
2010
1990
2010
EU28
-56%
-51%
-98%
-98%
10.856,23
7,60
9,49%

Ein signifikant geringeres Ambitionsniveau der EU28 für 2030 lässt sich ohne Änderungen der zentralen Randbedingungen (globales CO2-Budget 2018 - 2100, Maximum globale Negativemissionen) nicht mehr sinnvoll ableiten.