Das verbleibende CO2-Budget und der
Nachbesserungsprozess von Paris

Das verbleibende CO2-Budget

CO2 reichert sich in der Atmosphäre an. Deshalb bestimmt die Summe der CO2-Emissionen, die wir ausstoßen, inwieweit wir die menschengemachte Erderwärmung begrenzen können (Budgeteigenschaft von CO2).

Aufgrund der Komplexität des Klimasystems lässt sich allerdings aus naturwissenschaftlicher Sicht das genaue verbleibende CO2-Budget nicht ohne Weiteres angeben.

Was sagt der IPCC zum verbleibenden CO2-Budget?

Der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) hat in seinem Sonderbericht 2018 folgende Tabelle zu den verbleibenden Budgets veröffentlicht (klicken Sie auf Bilder, um sie größer darzustellen):

Table 2.2 IPCC 1.5

Quelle: IPCC SR1.5 2018, Chapter 2, S. 108

Im 'Summary for Policymakers' führt der IPCC dazu aus:

"C.1.3 Limiting global warming requires limiting the total cumulative global anthropogenic emissions of CO2 since the preindustrial period, that is, staying within a total carbon budget (high confidence). (...) The associated remaining budget is being depleted by current emissions of 42 ± 3 GtCO2 per year (high confidence). (...) Using global mean surface air temperature (...) gives an estimate of the remaining carbon budget [from 2018] of 580 GtCO2 for a 50% probability of limiting warming to 1.5°C, and 420 GtCO2 for a 66% probability (medium confidence). (...) Uncertainties in the size of these estimated remaining carbon budgets are substantial and depend on several factors. (...)."

Quelle: IPCC SR1.5 2018, Summary for Policymakers, S. 14, Hervorhebungen und [from 2018] nicht im Original

Hier eine komprimierte Darstellung von Tabelle 2.2 im SR15:

verbleibende CO2-Budgets laut IPCC SR15

Politische Einordnung

Vielleicht kann die Naturwissenschaft die großen Bandbreiten bei den zentralen Unsicherheiten und Variationen durch weitere Forschung in den nächsten Jahren noch verringern (bitte beachten Sie, dass die Bandbreiten i.d.R. in beide Richtungen gehen). Politisch können wir darauf nicht warten. Politisch sollten wir heute entscheiden, an welchem CO2-Budget bis zum Ende dieses Jahrhunderts wir uns bei unseren Reduktionsambitionen orientieren wollen. Aus der Entscheidung unter Unsicherheit gibt es kein Entrinnen.

Zusammenfassung

Wir emittieren derzeit ca. 42 Mrd. t CO2 im Jahr.

Erderwärmung
~ 1,5°C
~ 2°C

Größenordnung verbleibendes CO2-Budget ab 2018:

   
Einhaltung mit einer Wahrscheinlichkeit von (nur) 67%:
420 Mrd. t
1.170 Mrd. t
Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU):  
800 Mrd. t

Bitte beachten Sie, dass eine Einhaltung mit einer Wahrscheinlichkeit von nur 67% insbesondere bei der Zwei-Grad-Grenze im Hinblick auf die Kipppunkte im Klimasystem nicht mehr akzeptabel ist. Bei der Zwei-Grad-Grenze sollte unseres Erachtens mindestens 80-90% vorausgesetzt werden. Ein mit der Zwei-Grad-Grenze sinnvoller Weise kompatibles verbleibendes Budget ist also wesentlich geringer als das, welches der IPCC in seinem Sonderbericht in den Raum stellt. Wahrscheinlich wird dies der IPCC in seinem nächsten regulären Sachstandsbericht stärker thematisieren. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hält in seinem Umweltgutachten 2020 ein Budget von maximal 800 Mrd. t noch mit einer 'deutlichen' und ausreichend wahrscheinlichen Unterschreitung der 2°C-Grenze für vereinbar.

Als zentrale Botschaften zu den notwendigen CO2-Reduktionen formuliert der IPCC-Sonderbericht zu 1,5°C:

"C.1 In model pathways with no or limited overshoot of 1.5°C, global net anthropogenic CO2 emissions decline by about 45% from 2010 levels by 2030 (40–60% interquartile range), reaching net zero around 2050 (2045–2055 interquartile range)."

Quelle: IPCC SR1.5 2018, Summary for Policymakers, S. 14, Hervorhebungen nicht im Original

Pariser Nachbesserungsprozess (Ambitionsmechanismus)

In Paris wurde vereinbart, dass die Staaten immer ehrgeizigere national entschiedene Beiträge (NDCs) beim UNFCCC vorlegen sollen (Ambitionsmechanismus). Zu den bereits im Vorlauf des Pariser Abkommens eingereichten nationalen Beiträgen hatte das UN-Sekretariat mit einem Synthesebericht Stellung genommen. Das Ergebnis: Die eingereichten nationalen Beiträge waren ein Fortschritt; aber sie reichten bei weitem noch nicht aus, um die Pariser Klimaziele einzuhalten. Selbst unter der optimistischen Annahme, dass die NDCs zu 100% umgesetzt worden wären, würde es zu einer Erderwärmung bis 2100 um gut 3°C kommen mit weiter stark steigender Tendenz danach.

Im Vorlauf zum Klimagipfel in Glasgow November 2021 findet die erste Nachbesserungsrunde statt. Hier eine Stellungnahme von Germanwatch zur aktuellen Lage. Wenn die NDCs in Summe wieder nicht Paris-kompatibel sein sollten, was zu erwarten ist, dann stellt sich die Frage, ob wir wirklich bis zur nächsten Nachbesserungsrunde in 2025 warten können.

Wir brauchen jetzt glaubwürdige politische Entscheidungen, damit die Investitionen in eine fossilfreie Zukunft ausreichend in Gang kommen. Je später diese Entscheidungen fallen, desto teurer wird es und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir scheitern.

Wir brauchen einen Review auch durch die Zivilgesellschaft

Nun ist es wichtig, dass die Zivilgesellschaft in Verbund mit der Wissenschaft mit konkreten und fundierten Forderungen gegenüber der Politik genügend öffentlichen Druck aufbaut, so dass die Staaten einen fairen Anteil an den notwendigen globalen Anstrengungen übernehmen. Es muss eine öffentliche Diskussion darüber in Gang kommen, was eine faire und ökonomisch sinnvolle Aufteilung eines globalen CO2-Budgets bis 2100 auf Staaten sein könnte.

Grundlage für einen Review-Prozess sind Referenzwerte

Eigentlich würde es die Budgeteigenschaft von CO2 besser abbilden, wenn man darüber diskutieren würde, welcher Anteil eines globalen Budgets bis 2100 einzelnen Staaten zustehen könnte. In der bisherigen Klimadiplomatie werden jedoch die Emissionen zu einem gewissen Zeitpunkt in der Zukunft in Bezug gesetzt zu Emissionen in der Vergangenheit (z.B. 2030 zu 1990).

Was braucht man, um für alle Staaten entsprechende Referenzwerte berechnen zu können?

Die Referenzwerte müssen aus nationalen Emissionspfaden abgeleitet werden, die in Summe mit einem vorgegebenen globalen CO2-Budget bis 2100 kompatibel sind. Dabei muss man sich der Frage der Klimagerechtigkeit stellen. Nach welchen Schlüsseln sollen die globalen Emissionen auf Staaten verteilt werden bzw. an welchen Schlüsseln sollen sich die Staaten bei ihren NDCs orientieren?

Wir wollen hier das Extended Smooth Pathway Model vorstellen, das bei der Verteilung eines globalen Budgets nicht in die Vergangenheit schaut und keinen komplexen Mix an Kriterien heranzieht, sondern einerseits die aktuellen Emissionen eines Landes (und damit die derzeitige Realität) und anderseits die Pro-Kopf-Emissionen, um Klimagerechtigkeit abzubilden.

Referenzwerte nach dem Extended Smooth Pathway Model (ESPM)

Das ESPM besteht aus zwei Teilschritten:

(1) Aufteilung eines globalen CO2-Budgets mit einem gewichteten Verteilungsschlüssel auf Länder.

In den Verteilungsschlüssel gehen ein:

Die Gewichtung des Verteilungsschlüssels 'Bevölkerung' kann frei vorgegeben werden.

(2) Mit den RM-Szenariotypen werden dann von dem sich daraus ergebenden verbleibenden nationalen Budgets plausible nationale Emissionspfade abgeleitet.

Das ESPM bietet dabei sechs Szenariotypen an, um einen nationalen Emissionspfad zu bestimmen. Die Szenariotypen unterscheiden sich in der Annahme über den Verlauf der jährlichen Reduktionsraten (RM 1 - 5) bzw. des jährlichen Reduktionsbetrages (RM-6).

Beschreibungen der RM-Szenariotypen 1 - 6:

Exemplarische Referenzwerte im ESPM

Mit unserem Excel-Tool zum ESPM (Download hier) können Sie für alle Länder der Welt Referenzwerte berechnen.

Den folgenden exemplarischen Referenzwerten liegen diese zentralen Rahmendaten zugrunde:

Die Referenzwerte beziehen sich auf CO2-Emissionen aufgrund der Nutzung fossiler Brennstoffe und der Zementherstellung, da hier eine relativ solide Datenbasis besteht. CO2-Emissionen aufgrund von Landnutzungsänderungen, internationaler Schiff- und Luftfahrt und die anderen Treibhausgase werden damit hier nicht betrachtet.

Exemplarische Referenzwerte für die größten Emittenten

PDF: Referenzwerte für die Länder mit den höschten CO2-Emissionen

Hier weitere exemplarische Ergebnisse im ESPM bei unterschiedlichen Rahmendaten für die größten Emittenten..

Exemplarische Emissionspfade und die entsprechenden Referenzwerte für die EU bei unterschiedlichen Szenariotypen

EU Emissionspfade

EU-Ziel-2030

Bitte beachten Sie die Budgeteigenschaft von CO2, die sich bei den unterschiedlichen Szenariotypen zeigt: Reduzieren wir anfangs weniger; müssen wir später die Emissionen umso drastischer reduzieren bzw. Netto-Negativemissionen realisieren.

Berechnung Paris-kompatibler Ziele für die EU